WILLIE MCBLIND, LIVE LONG DAY

CD REVIEW


ROCKTIMES (GERMANY)

JULY 9, 2012

by Joachim 'Joe' Brookes

Willie McBlind ist eine Blues-Band aus New York. Vier Musiker versammeln sich im Line-up. Einerseits sind es Gitarrist und Sänger Jon Catler sowie Meredith Borden, die in der Hauptsache am Gesangsmikrofon zu hören ist. Gemeinsam treten sie als Duo auch unter dem Namen Willie And Babe auf. Die Rhythmusabteilung besteht aus Bassist Mat Fieldes (Absolute Ensemble, Ornette Coleman, Joe Jackson, Steve Vai) und Schlagzeuger Lorne Watson.

Im Booklet steht bei Jon Catler nicht einfach nur Guitars. Da ist die Rede von 64-tone Just Intonation, 12-tone Ultra Plus oder Fretless Guitars. Okay, ein bundloser Bass ist ja bekannt und für seinen warmherzigen Ton geliebt. Jon Catler mag es extrem. Entweder gar keine Bünde oder gleich so viele, dass einem schon beim Ansehen schwindelig wird und man sich fragt, wie selbst geübte Finger zwischen die Bünde greifen können. Microtonal Guitar oder Harmonic Series sind zwei Stichworte, die man sich bei diesen ganz besonderen Gitarren merken sollte. Alleine die Thematik macht neugierig und man kann sich darin durchaus vertiefen. Jon Catler ist einer der Pioniere auf diesem Gebiet und steht bei der Entwicklung von FreeNote Guitars an erster Stelle. Es ist schon beeindruckend, wie viele verschiedene Bauweisen es gibt und die sind auch bei den Tieftönern zu finden. Entsprechend ist Mat Fieldes unter anderem am 12-tone Ultra Plus Bass unterwegs. Natürlich ist Catler weltweit nicht der einzige Musiker, der diese Art von Gitarren spielt. Bei den Recherchen dazu stößt man doch glatt auch auf eine Black Metal-Band namens Seal Of Graphiel. Aber hier soll jetzt nicht die Rede vom Black Metal sein, denn die Formation Willie McBlind spielt den Blues. Mit ihrem sehr individuellen Klang prägen die Vier- beziehungsweise Sechssaiter das dritte Album der Band. Vor "Live Long Day" erschien "Bad Thing" (2009) beziehungsweise "Find My Way Back Home" (2007). Allerdings glänzen die zehn Songs nicht nur wegen der höchst extravaganten Gitarren-Sounds sondern auch durch den kontrastierenden Gesang von Meredith Borden beziehungsweise Jon Catler. Borden ist in der Lage, ihre Stimme über mehrere Oktaven zu erheben und Catler verfügt im Gegensatz dazu über eine ziemlich tiefe, raue Stimme. Im Duett kommen die beiden unterschiedlichen Stimmen voll zur Geltung. Bis auf "Love In Vain" (Robert Johnson) hat Catler alle Songs komponiert und eine weitere Auffälligkeit ist, dass verdammt oft das Wort Train in den Titeln auftaucht. In Amerika erschien das Album im Mai 2012 am National Train Day. Willie McBlind spielt einen höchst interessanten Blues, der vom Songwriting her sehr vielfältig ausfällt. Die Combo mag es funkig und rockig. Außerdem fühlt man sich im Blues, der vom Country geprägt wird auch noch sehr wohl. Willie McBlind steht für die unkonventionelle Art des Blues und es fällt schon schwer, die Gitarrensounds zu beschreiben. Nicht selten klingt die Gitarre nach Bottleneck-Einsatz... der bundlose Sechssaiter macht es möglich. Allerdings ist festzustellen, dass sich alle Details auf "Live Long Day" sehr gut zu einem tollen Gesamteindruck zusammenfügen. Wenn sich Meredith Borden in dem einen oder anderen Video vom Outfit her wie eine Janis Joplin gibt, dann passt so etwas auch noch. Vom Delta Blues bis hin zu Southern Rock-Feeling ist die Speisekarte der Band sehr gut gefüllt. "Boogie Train" ist ein klasse Song unter vielen und "The Train That Never Came/Train Cloud" schießt den Spielzeit-Vogel ab. Das Stück ist im ersten, zirka viereinhalb Minuten langen Teil ein wunderschöner Slow Blues und danach wird es in der 'Train Cloud' sehr experimentell. Was in dieser wolkigen Klangcollage passiert, sucht echt seinesgleichen. Mehr als acht Minuten moduliert Catler um wenige Töne herum ein Feeling, das wirklich nur mit viel Fantasie etwas mit dem Blues zu tun hat.

Um die Sache mit der Eisenbahn perfekt zu machen, wurden die »basic tracks« von "Live Long Day" in den Bennett Studios (Englewood/NY) aufgenommen. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Bahnhof. Randbemerkung: Es gibt auch ein Fretless Guitar Festival, das alljährlich in New York stattfindet. Bei Willie McBlinds dritter Platte wird man neuen Blues-Reizen ausgesetzt. Das Album sendet andere, nicht unbedingt herkömmliche Signale aus, zählt allerdings zu meinen Genre-Favoriten der letzten Zeit.

 

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